EINEN HAB`ICH NOCH

Die Entstehungsgeschichte von PLEITEN, PECH & PANNEN (1986-2003)

(Auszug aus meinem neuen Buch MAL GENTLEMAN – MAL COOLE SAU)

 

Der Dokumentarfilm “Hollywood Out-Takes” von Ron Blackman aus dem Jahr 1983 präsentierte Profipannen von Bette DavisHumphrey BogartJames CagneyErrol FlynnCarol Lombard u.a. Versprecher, Stottereien und Blackouts, die die Stars mit Flüchen oder Stoßseufzern quittierten. So schwang sich Ronald Reagan als Cowboydarsteller auf ein Pferd und fiel auf der anderen Seite gleich wieder runter. Gezeigt wurde auch, dass er nach mehreren Fehlversuchen beim Aufsteigen einen Schemel benutzte. Diese sogenannten Nichtkopierer bildeten nur einen kleinen Teil des Films. Es gab z.B. auch Kurzfilmchen, in denen Stars einen sozialen Beitrag leisteten. Oft waren sie dabei makaber fehlbesetzt, wie zum Beispiel James Dean. Ausgerechnet der warnte die jugendlichen Zuschauer vor der Raserei auf den Freeways: „Der nächste, den ihr umfahrt, könnte ich sein.“ Ich sah diesen Film in der „Lupe“, einem Programmkino und Treffpunkt unseres Kölner Freundeskreises. Das war eine von zwei Initialzündungen für die Idee zu PLEITEN, PECH & PANNEN. Die zweite: In der österreichischen Tageszeitung „Krone“ las ich während eines Urlaubs in Kärnten den Bericht von der Einweihung des ersten Motorschiffs auf dem Fluss Drau. Der Kärntner Landeshauptmann Leopold Wagner stand am Ufer mit einer Taufpatin, die eine Sektflasche gegen den Schiffsrumpf schleudern sollte. Die Flasche, an einer Schnur befestigt, kam immer wieder unversehrt baumelnd zurück. Da nahm der „Landesvater“ der Patin die Flasche und damit auch die ehrenvolle Aufgabe ab und sagte, ganz Kavalier: „Gnädige Frau, darf ich das übernehmen? Man muss richtig Schwung nehmen. Sehen Sie, so …“ und schleuderte die Sektflasche kraftvoll mit beiden Händen Richtung Schiff, vergaß dabei aber, sie im rechten Moment loszulassen. Die Folge: Er stürzte kopfüber in den Fluss. Das anwesende ORF-Kamerateam konnte ihn nur noch filmen, als er triefend aus dem Wasser stieg. Aber ein Fotograf hielt die Szene fest. 1983 war also das Geburtsjahr der Idee, die aber noch einen beschwerlichen Weg bis zur Produktion einer Pilotsendung zurückzulegen hatte. Anlässlich der „Goldenen Rose“ 1984 traf ich mich mit dem damaligen SWF-Programmdirektor und Unterhaltungs-Koordinator der ARD, Dieter Ertel in Montreux zum Essen und schilderte ihm meine Idee. Er sagte, ich sollte ein Exposé schicken, das er dann in die nächste Sitzung der Unterhaltungschefs mitnehmen würde. Und überhaupt wäre er in Zukunft gerne erster Ansprechpartner, wenn ich eine Showidee habe. Ich fragte Hubert Bücken, einen befreundeten Journalisten, ob er Lust hätte, an einem neuen Showkonzept mitzuarbeiten. Hubert hatte ich als Autor und Interviewer für verschiedene Zeitschriften und Branchendienste kennengelernt. Mir gefiel sein frecher, pfiffiger und sehr humorvoller Schreibstil. Bevor wir ein Exposé verfassten, wollten wir uns in den USA umsehen und umhören, ob es dort vielleicht schon eine ähnliche Sendeidee gibt. Also flogen wir im Juli 1984 nach New York und quartierten uns im Hotel Mayflower am Central Park ein. Das war zu dieser Zeit ein Hotel, im dem hauptsächlich arbeitslose Schauspieler arbeiteten. Auch etablierte Stars gingen dort ein und aus. So entdeckte ich Robert de Niro oder eines Nachmittags Arthur Miller mit Dustin Hoffman, der gerade am Broadway „Der Tod eines Handlungsreisenden“ von Miller spielte. Wir trafen uns nacheinander mit Werner Baecker, dem ARD-Korrespondenten sowie den Journalistinnen Constanze Regnier und Monika Kind. Alle drei Kenner der amerikanischen Entertainment-Szene. Außerdem besuchten wir Shows und Musicals. Ergebnis unserer Recherchen: Es gab lediglich eine TV-Show mit Bloopers und Outtakes von Profis. Nach unserer Rückkehr verfassten wir sofort ein Exposé mit dem Arbeitstitel „Pleiten, Pech & Pannen“. Im September rief mich Ertl an. Das Exposé sei verheißungsvoll. Er hätte es bereits an Hannes Hoff geschickt und will es auf jeden Fall noch allen anderen ARD-Unterhaltungschefs vorstellen. Wir sollten ihm bis Mitte Oktober weitere Details liefern, vor allem Beispiele für mögliche Beiträge und Auskünfte, woher das Material kommen könnte. Das sagte ich ihm zu. Bald darauf meldete sich Dr. Christof Schmid, BR.

Pleiten, Pech & Pannen gehören zu den täglichen Erfahrungen derer, die sich U-Chefs nennen. Entsprechend vital (teils positiv, teils negativ) waren die Reaktionen auf diese Reizworte. SDR und BR interessieren sich grundsätzlich für das Vorhaben. Nicht zuletzt wegen Ihrer Person.“

Von allen ARD-Sendern waren es wenigstens zwei, die Interesse zeigten. Einer, der Bedenken hatte, ob eine solche Idee überhaupt als Serie tragfähig sei, war ausgerechnet Dr. Hanns Helmut Böck, damals stellvertretender U-Chef beim BR. Er gab sogar ein Dossier in Auftrag, mit dem dies belegt werden sollte. Ich glaube, Haupt hieß der Mann, der das dann recherchierte. Er schrieb beharrlich von seinen „Rescherschen“(!) und kam zu dem Fazit, dass eine derartige Serie nicht realisierbar sei. Das Honorar hätte sich der Sender sparen können. Dr. Böck gefiel auch der von mir erfundene Titel „Pleiten, Pech & Pannen“ nicht. „Sobald Ihnen ein besserer einfällt, nehmen wir natürlich den“, sagte ich. Es kam aber kein weiterer Vorschlag. Und so blieb es bei PPP. Dieser Titel ist inzwischen in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Immer wieder meldeten sich die professionellen Bedenkenträger im Sender. Ein solches Material, gemeint waren Outtakes und Amateurfilme, sei doch nicht sendefähig. Als wir den ersten Beitrag vorführten, der uns von einem Amateurfilmer geschickt wurde, hieß es sofort: „Sowas kann man doch nicht senden!“ „Aber Ihr habt jetzt doch alle gelacht. Der Lacher ist doch dabei wichtig, nicht die technische Qualität des Filmschnipsels.“ Der Schmalfilmer, der uns den Ausschnitt schickte, fragte darin seinen Papagei immer etwas anderes. Dieser antwortete aber jedes Mal: „Leck mi am Arsch!“ Für mich war es wesentlich, dass wir den Zuschauern mit einem Beispiel zeigen konnten, was wir suchen: Beiträge mit Situationskomik. Eva Pasetti war die erste Redakteurin von PPP. Jochen Busse erzählte mir, dass sie ihm ihr Leid klagte. „Oh Gott, oh Gott, jetzt hat man mir eine Schadenfreude-Sendung aufs Auge gedrückt.“ Das waren fürwahr keine guten Voraussetzungen für den Start einer neuen Sendung. PPP wäre auch nie realisiert worden, hätte es beim Bayerischen Rundfunk nicht Elisabeth „Sissy“ Johne und Helmut Milz gegeben. Sie waren freie Mitarbeiter und kamen frisch von der Hochschule. Sofort erkannten sie das Potential der Idee, vor allem aber die Chance, etwas Neues realisieren und damit beim Sender Fuß fassen zu können. Die erste Redaktionssitzung mit ihnen und Hubert Bücken fand im Juli 1985 statt. Dann dauerte es noch ein halbes Jahr bis zur Aufzeichnung einer Pilotsendung, die am Ostersonntag 1986 im Nachmittagsprogramm der ARD versteckt wurde, aber ohne vorherige Werbung eine herausragende Einschaltquote erreichte. Neben anderen zeigten wir auch die Versprecher von Heinz Rühmann aus der „Feuerzangenbowle“. Erst dieser Publikumserfolg überzeugte die Verantwortlichen vom vielversprechenden Potential der Idee. Als die erste Serie gesendet wurde, kletterten die Einschaltquoten bis auf 39%. Und das trotz der anfangs späten Sendezeit 22.00 Uhr. Und die Zuschauer machten mit, wie ich es vorhergesagt hatte. Jedes Jahr erhielten wir ab nun zwischen fünfhundert und tausend Filme oder Videos. Ab 1990, als wir zum ersten Mal den mit 10.000 Mark dotierten Goldenen Raben als Fernsehtrophäe einführten, waren es gleich 3.000 Videofilme, die gesichtet und bewertet werden mussten. Dazu kamen die Pannen der Profis. Probleme mit Requisiten, wackelnde Kulissen oder Schauspieler, die im Text nicht weiter wussten. Vorher wurden solche Filmschnipsel weggeschmissen. Nun empfahl sich die Redaktion von PPP als Sammelstelle für „Outtakes“. Oder es passiert so etwas:

Einen unerwarteten Ausgang nahm ein Pferde-Hindernisrennen in England. An einem Graben stürzten zwei Pferde gleichzeitig. Einer der Jockeys rappelte sich blitzschnell wieder hoch, schwang sich aufs Pferd und passierte als erster das Ziel. Sieger wurde er trotzdem nicht. Er hatte in der Eile das falsche Pferd erwischt. M.S. in PPP

Mir war sofort klar:

  1. Missgeschicke und Schadenfreude sind zwei wichtige Elemente in der Unterhaltung. Ohne sie gäbe es keine Clowns, auch nicht Stan & Ollie oder Tom & Jerry.

  2. Sogenannte Outtakes aus Film und Fernsehen sind amüsant, aber nicht in ausreichender Zahl vorhanden, um damit eine ganze Serie zu bestreiten.

  3. Die wichtigste Voraussetzung für eine serielle Produktion einer Pannen-Sendung ist die Beteiligung der Zuschauer. Anfangs waren es noch die Schmalfilmer, dann die Videofilmer, an die ich dachte. Die ersten Camcorder mit VHS-Kassetten kamen erst 1985 auf den Markt.

  4. Eine ganz wesentliche Rolle spielen die Kommentartexte zu den Filmbeiträgen. Da ist viel Phantasie gefragt, aber auch Humor und Fingerspitzengefühl. Beim 854. misslungenen Fassanstich sich noch einen neuen, besonders originellen Text einfallen zu lassen, ist eine echte Herausforderung für jeden Autor. Hubert entwickelte dafür einen eigenen Stil.

  5. Ich muss als Moderator bei den Zuschauern Vertrauen aufbauen. Wer uns seine Videos oder Filme anvertraut, soll davon ausgehen können, dass wir umsichtig damit umgehen. Außerdem gab es ein Honorar für jeden Beitrag.

  6. Der Präsentator einer solchen Show sollte nie versuchen, lustiger zu sein als die Film- oder Videoszenen. Fast alle meiner Epigonen bei den Privatsendern konnten dieser Versuchung nicht widerstehen. Ich bin kein Comedian. Ich muss den Opfern, die die Lacher bringen, nicht auch noch einen Tritt geben. Passiert das, wird Schadenfreude zur Gemeinheit und schafft alles andere als Vertrauen.

  7. An den Sendungen wollte ich nicht nur als Moderator beteiligt sein, sondern auch durch meine Produktionsfirma. Wir haben Material recherchiert und prominente Opfer von Missgeschicken für die Sendung gewonnen. Auch in diesem Punkt war Vertrauen wichtig. Alle Kassetten wurden - anders als bei vielen privaten Nachfolgern - wieder zurück geschickt.

Das Grundprinzip bei PPP: Jedes Missgeschick muss zufällig passiert sein, sozusagen schicksalhaft und ohne Manipulation. Keiner wird reingelegt, keine versteckte Kamera lauert auf die Reaktion eines Geleimten. Schadenfreude, dieses klare anschauliche Wort haben wir Deutschen vielen unserer Nachbarn voraus. Weder im Englischen noch im Französischen gibt es einen ähnlichen Begriff.

Den Amerikanern um einige Jahre voraus!

Americas Funniest Home Videos“ startete drei Jahre nach uns mit einem Special und ging 1990 mit Bob Saget als Host in Serie. Die Show lief jeden Sonntag zur Hauptsendezeit um 20.00 Uhr und war gleich ab dem Start in den Top Ten. Produziert wurde sie von Vin Di Bona. 15 Mitarbeiter saßen täglich vor dem Fernseher, um Szenen zu finden, die Zuseher zum Lachen bringen. Übrigens zeigten die US-Produzenten in ihrer Pilotsendung vier Beiträge von uns. Wir können sehr stolz darauf sein, dass eine Idee einmal den umgekehrten Weg ging. Es müssen nicht immer amerikanische Formate das Vorbild für unsere Shows sein. Trendforscher nennen es Participatory Culture. Gemeint ist, dass die Menschen ihre Medieninhalte mitgestalten, selbst produzieren oder zumindest an der Produktion teilhaben möchten. PPP war somit sogenannter User Generated Content. Beim Wettbewerb der Goldenen Rose in Montreux wurde ich in einer Podiumsdiskussionsrunde als Erfinder des ersten zuschauergenerierten Fernsehformats vorgestellt. Man sagte, ich sei eigentlich der Vorreiter von YouTube, das erst viel später, nämlich 2005 entstand.

Wir werden wieder über das Scheitern anderer lachen – und zwar mit gesteigertem Schenkelklopfen (also lautstarken Kommentaren). Das ist einerseits schade, andererseits verhilft es dem Grandseigneur des Versagens Max Schautzer zu einem Comeback. Der „legendäre Moderator“ der Sendung PLEITEN, PECH & PANNEN zeigte schon Homevideos von Menschen, die von einer Leiter fallen, als die beiden You-Tube-Gründer Stefen Chen und Chad Hurley noch nicht geboren waren. Eins war damals aber besser als heute: Schautzer stellte sich nicht halb so dämlich dabei an, wie all die Hilfsmoderatoren, die jetzt Clipsendungen im Fernsehen begrinsen.

Süddeutsche.de - Eine kleine Geschichte des YouTube-Humors

Ich erinnere mich, dass RTL-Chef Dr. Helmut Thoma einmal zu mir sagte: „Wenn´s des als Produzent mit uns g´macht hätten, wären´s heut´reich!“ Damals siezten wir uns noch. Er konnte sich dieses erfolgreiche Format gut bei RTL vorstellen. Mitte der 80er Jahre war der Sender aber gerade erst gestartet. Heute bedauere ich zutiefst, dass ich mir die Rechte nicht gesichert und die Idee inklusive Titel der ARD quasi geschenkt habe. Damals dachte man halt noch anders. Ich weiß, dass die ARD-Programmdirektoren sowieso nie so richtig glücklich waren mit dem Format. Eine Sendung, die auf Schadenfreude aufgebaut ist, war ihnen suspekt. Die hohen Einschaltquoten nahmen sie aber sehr gerne zur Kenntnis. Das verriet mir u.a. Dr. Rüdiger Hoffmann, Programmdirektor in Bremen und Unterhaltungskoordinator der ARD. Wir waren seit einem gemeinsamen Skiurlaub am Arlberg befreundet. Auch er gehörte nicht zu den bekennenden Fans der Sendung.

2003 lief die 150. und letzte Folge von PPP. Erinnert wird aber immer noch gerne an eine der erfolgreichsten Serien im Ersten. Auch die Zuschauer haben die Show, die bei der ARD eigentlich keiner wollte, nicht vergessen.

 

 

 

 

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