Interview

Hälfte des Lebens

Nach dem Abschied vom Fernsehen ist Max Schautzer nicht in den Ruhestand getreten. Von Freitag an ist er in "Sonny Boys" in der Komödie im Marquardt zu sehen. Matthias Ring hat sich mit ihm über das Alter und sein Selbstverständnis als Fernsehmacher unterhalten.

 

Welche Beziehung haben Sie zu Stuttgart?

 

Ich bin oft beruflich in Stuttgart gewesen, besonders in der Liederhalle, zum Beispiel mit Bert Kaempfert und seinem Orchester, und natürlich im Sendesaal der Villa Berg, damals, als es noch die großen Unterhaltungsshows gab, häufig mit Hans Rosenthal.

 

Das war die gute alte Zeit, für die als Klassiker auch die "Sonny Boys" stehen.

 

Es ist ein Stück, das nach wie vor funktioniert, das einen großen Wortwitz hat. Neil Simon hat nicht umsonst den Oscar bekommen. Und es hat eine Doppelbödigkeit, ist an der Grenze zwischen Tragik und Komik. Die Zuschauer können vieles nachvollziehen, es geht auch um das Thema Älterwerden und wie man damit umgeht, wenn die Anerkennung ausbleibt. Es sind zwei verschiedene Einstellungen: der eine geht auf Distanz und lässt das hinter sich. Der ist plötzlich allein gelassen und verliert seine Identität, weil sein Widerpart mit einem Mal weg ist.

 

Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Widerpart Dietz-Werner Steck?

 

Wir kannten uns schon vorher und mochten uns auch. Wir haben uns sehr gefreut, dass man auf die Idee gekommen ist, uns zu koppeln, auch wenn wir uns auf der Bühne nichts schenken und es manchmal schon fast handgreiflich wird.

 

Sie sind der, der dem anderen mit seiner feuchten Aussprache zu nahe kommt?

 

Ja, das bin ich. Aber das wird ja nur sehr punktuell eingesetzt, auch das mit dem Fingerstupsen. So ist das Stück geschrieben: an einer Kleinigkeit zieht man sich hoch, und dann zerbricht die Beziehung.

 

Sind Sie eingeschüchtert durch die berühmten Vorbilder? Bei den "Sonny Boys" liegt die Latte ziemlich hoch. Viele haben Walter Matthau vor Augen oder auch Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder.

 

Oder Martin Held in Berlin, Otto Schenk in Österreich, Helmuth Lohner . . . Aber ich habe mich nie an Vorbildern orientiert, das würde ja heißen, etwas nachzuahmen. Man muss sich davon lösen. Dazu muss man aber auch ein gesundes Selbstbewusstsein haben.

 

In dem Stück geht es um zwei Komiker, die die besten Tage hinter sich haben und nun wiederbelebt werden. Sie beide haben da so Ihre Erfahrungen: Dietz-Werner Steck wurde als "Tatort"-Kommissar ausgemustert, Sie wurden wegen Ihres Alters vom Bildschirm gedrängt. Gehen Sie mit einer Portion Selbstironie an die Rolle heran?

 

Wir haben uns sehr auf die Proben konzentriert, da muss jeder erst einmal schauen, wie er seine Rolle begreift, da kann man so etwas nebenbei nicht auch noch reflektieren. Ich glaube aber, dass ich jetzt genug Abstand habe. Ich habe das abgeschüttelt und mir gesagt: so, jetzt schaust du nach vorne. Und es haben sich viele neue Möglichkeiten ergeben. Plötzlich stellt man fest, dass man anders wahrgenommen wird, weil das Medienecho so gewaltig war.

 

Früher waren Sie der nette Herr Schautzer.

 

Ja, und mit einem Mal ist man einer, der das nicht schluckt, der sich hinstellt und so auch das Publikum bestärkt, wie ich an den vielen Zuschriften gemerkt habe. Eigentlich geht es gar nicht um mich, sondern um ein evidentes Problem in unserer Gesellschaft: dass man die Menschen ab fünfzig ausgrenzt in den Medien, in der Werbung, in der Wirtschaft.

 

Das Bewusstsein ist inzwischen ein Stück weiter, aber die Umsetzung noch lange nicht - obwohl einen die Werbung das glauben lässt. Ist unsere Gesellschaft da nicht verlogen? Besonders Frauen in der Schauspielbranche sind von einem gewissen Alter an schnell abgemeldet.

 

Das stimmt leider. Schauspielerinnen sagen mir, ab 35 brauchten sie sich beim Casting gar nicht mehr zu melden. Die Entscheider aber würden selbst gerne bis siebzig, achtzig Intendant oder was auch immer sein. Alte in der Werbung? Ich muss dem widersprechen, dass das ein Trend ist. Das ist exotisch, wenn Neunzigjährige nackt gezeigt werden - so wollen sich alte Menschen nicht sehen. Das kommt daher, dass das Durchschnittsalter in den Werbeagenturen unter dreißig ist. Es wird sich erst etwas ändern, wenn an den Schaltstellen auch Ältere sitzen.

 

Wie weit sind die Pläne mit Ihrem Seniorensender?

 

Wir sind jetzt mit Bono-TV in der Endphase und wollen möglichst noch dieses Jahr starten. Es ist aber kein Seniorensender - das hat die Presse daraus gemacht. Wir sind neben dem Kinderkanal der erste Sender, der sich an einer bestimmten Lebenssituation orientiert. Wir sagen auch nicht fünfzig plus, um andere auszugrenzen, sondern wir sagen, wir sind der Sender für die zweite Lebenshälfte.

 

Vermissen Sie eigentlich die Bildschirmpräsenz? Es gibt viele, die glauben: Wenn man mich nicht sehen kann, gibt"s mich nicht.

 

Ja, das ist so, aber Gott sei Dank nicht bei mir. Ich habe immer bewusst Distanz gehalten zu dem Medium Fernsehen und mich nicht zu ernst genommen, sondern nur die Zuschauer als höchste Instanz. Ich habe auch versucht, vielseitig zu sein, dass, wenn ein Bein weggestoßen wird, man nicht gleich umfällt.

 

Und jetzt stehen Sie eben wieder mehr auf der Bühne. Allerdings kann man auch bei der Komödie im Marquardt sagen: für ein Publikum in der zweiten Lebenshälfte. Möchten Sie nicht gerne auch ein jüngeres Publikum erreichen?

 

Mit bestimmten Genres kann man junge Leute nicht erreichen. Das ist auch ein Problem des Boulevardtheaters. Wenn ich so schaue: wer spielt in Deutschland den jugendlichen Liebhaber? Das ist immer noch Herbert Herrmann, der jetzt auch schon Mitte sechzig ist. Wenn Sie aber in die Kleinkunstszene schauen, da füllt ein Oliver Pocher die Liederhalle. Aber der Intendant Carl Philip von Maldeghem macht das mit seiner Mischung an verschiedenen Spielstätten schon sehr geschickt und versucht auch, ein neues Publikum heranzuholen. Aber er begeht nicht den Fehler, jetzt übertrieben auf jung zu machen, weil er damit sein Abonnementpublikum vergraulen würde.

 

Quelle: Stuttgarter Zeitung online