Gedicht einer alten Frau
Max Schautzer in seinem Buch (Auszug):
Wie ich mir einen wurdigen Abschied von den Zuschauern einer Sendung vorstellte, habe ich 1996 gezeigt, als ich mich nach 16 Jahren in Diensten der Deutschen Fernsehlotterie (EIN PLATZ AN DER SONNE und DIE GOLDENE EINS) mit einem Gedicht von meinem Publikum verabscheidete. Ich wunschte mir nichts anderes als funf Minuten Zeit, um am Ende der Sendung ein Gedicht vorlesen zu können, das ich bei einem Besuch in einem Altenheim in Hamburg entdeckt hatte. Es hing als Fotokopie an der Wand und hatte mich ebenso sehr beruhrt wie Millionen von Zuschauern und das Studiopublikum der Live-Sendung DIE GOLDENE EINS in Hamburg. Das Gedicht hatte eine alte Frau geschrieben, die lange in einem Pflegeheim in Schottland wohnte und von der man geglaubt hatte, sie sei desorientiert. Nach dem Tod fand man diese nachdenklich stimmenden Zeilen in ihrem Nachlass:
Was seht ihr, Schwestern?
Was seht ihr, Schwestern, was seht ihr? Denkt ihr, wenn ihr mich anschaut: Eine murrische alte Frau, nicht besonders schnell, verunsichert in ihren Gewohnheiten, mit abwesendem Blick, die ständig beim Essen kleckert, die nicht antwortet, wenn ihr sie anmeckert,weil sie wieder nicht punktlich fertig wird. Die nicht so aussieht, als wurde sie merken, was ihr macht und ständig den Stock fallen lässt und nicht sieht, wohin sie geht, die willenlos alles mit sich machen lässt: futtern, waschen und alles, was dazugehört. Denkt ihr denn so von mir, Schwestern, wenn ihr mich seht, sagt? Öffnet die Augen, Schwestern! Schaut mich genauer an! Soll ich euch erzählen, wer ich bin, die hier so still sitzt, die macht, was ihr möchtet, und isst und trinkt, wann es euch passt? Ich bin ein zehnjähriges Kind mit einem Vater und einer Mutter, die mich lieben und meiner Schwester und meinem Bruder. Ein 16-jähriges Mädchen, schlank und hubsch, das davon träumt, bald einem Mann zu begegnen. Eine Braut, fast 20-jährig, mein Herz schlägt heftig beim Gedanken an die Versprechungen, die ich gegeben und gehalten habe. Mit 25 noch habe ich eigene Kleine, die mich zu Hause brauchen.Eine Frau mit 30, meine Kinder wachsen schnell und helfen einander. Mit 40, sie sind alle erwachsen und ziehen aus. Mein Mann ist noch da und die Freude noch nicht zu Ende. Mit 50 kommen die Enkel, und sie erfullen unsere Tage, wieder haben wir Kinder – mein Geliebter und ich. Dunkle Tage kommen uber mich, mein Mann ist tot. Ich gehe in eine Zukunft voller Einsamkeit und Not. Die Meinen haben mit sich selbst genug zu tun, aber die Erinnerungen von Jahren und die Liebe bleiben mein. Die Natur ist grausam, wenn man alt und krumm ist. Und man wirkt etwas verruckt. Nun bin ich eine alte Frau, die ihre Kraft dahinsiechen sieht. Und der Charme verschwindet. Aber in diesem alten Körper wohnt immer noch ein junges Mädchen. Ab und zu wird mein mitgenommenes Herz erfullt. Ich erinnere mich an meine Freuden. Ich erinnere mich an meine Schmerzen. Und ich liebe und lebe mein Leben noch einmal, das allzu schnell an mir voruber geflogen ist. Und akzeptiere kuhle Fakten, dass nichts bestehen kann. Wenn ihr eure Augen aufmacht, Schwestern, so seht ihr nicht nur eine murrische alte Frau. Kommt näher, seht M I C H! Nun bin ich eine alte Frau, die ihre Kräfte dahinsiechen sieht. Und der Charme verschwindet. Aber in diesem alten Körper wohnt immer noch ein junges Mädchen.
Aus: Max Schautzer, „Rock ‚n’ Roll im Kopf, Walzer in den Beinen - Antworten auf den Jugendwahn“, mvg-Verlag



