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Rheinischer Merkur Nr. 47 v. 18.11.2004

Der nette Robin Hood

AUTOR: CHRISTIANE FLORIN

 

Diese meterhohen Bücherregale trauen ihm Fremde nicht zu. Max Schautzer bemerkt den irritierten Blick, als der Gast das Wohnzimmer durchschreitet. Aber ein triumphierendes „Da staunen Sie über den Fernsehfuzzi, wie?“ wäre nicht seine Art. Im Keller habe er noch mehr Lesestoff, in seinem Haus in Kitzbühel auch. „Mein Schwiegervater war Schriftsteller“, erzählt er mit dem sanften Zungenschlag seiner Geburtsstadt Klagenfurt. Ein Ton, der perfekt mit dem weichen, weißen Teppichboden und der hellen Couch harmoniert. Draußen in der Einfahrt parkt der Wagen eines Gärtnereibetriebs, der Anhänger ist mit Laub beladen. Man liebt es gepflegt, aber nicht protzig, diskret, aber nicht vermauert. Bei Schautzers wie bei den Nachbarn in Köln-Rodenkirchen.

 

Wer ihn nur von Sendungen wie „Pleiten, Pech und Pannen“, dem „ARD-Wunschkonzert“, der „Goldenen Eins“ oder „Immer wieder sonntags“ kennt, sucht vergeblich in seinen Moderationen nach einem literarischen Spurenelement, einem Bonmot, einem Aphorismus. Als nett und zurückhaltend beschrieben ihn wohlgesinnte Medien, „langweilig“ und „espritfrei“, gähnten viele Profi-Kritiker. Ist er jemals zu einer Schnulze mit einem Brecht-Zitat auf Distanz gegangen? Hat er, der Jazz-Liebhaber, je die faden Zwei-Akkord-Harmonien des volkstümlichen Liedgutes verbal gepfeffert? Selbst verfasste Glossen habe er in seinen Radiomoderationen eingesetzt, erinnert er sich. „Aber im Fernsehen hatte ich meistens Harmoniesendungen. Für mich war die höchste Instanz mein Publikum. Die Leute zahlen Gebühren, damit wir das bieten, was sie erwarten“, sagt er.

 

Zwischen den deckenhohen Regalen philosophiert er über Volksnähe, erzählt von gelungenen Livesendungen und abgehobenen Redakteuren. „Ironie und Zynismus sind ein Zeichen von Ignoranz gegenüber dem Publikum. Außerdem: Leute wie Ernst Mosch oder Slavko Avsenik waren hervorragende Musiker, die kamen vom Jazz. Warum soll ich mich darüber lustig machen?“

 

Er galt als Feuerwehrmann des Fernsehens, einsetzbar für den Rosenmontagszug und das Kinderquiz genauso wie für Live-Jazz und Operettenmelodien. Kaum hatte er eine angeschlagene Show wie „.Alles oder nichts“ übernommen, stiegen die Quoten. „Der Mann, der immer gewinnt“, nannte die „Frau im Spiegel“ vor zwanzig Jahren eine Artikelserie, in der er aus seinem Leben erzählte. Auch wenn er privat ein gut abgehangenes Saxofon dem „Jungen mit der Mundharmonika“ vorzieht: Max Schautzer kannte seine Fans und bediente sie perfekt.

 

Kannte, bediente. Die TV-Entertainer-Rolle ist für den 64-Jährigen vorerst Vergangenheit. Anfang Februar 2004 schickte ihn der Hauptabteilungsleiter Unterhaltung des SWR per Telefon in Rente. Seine Show „Immer wieder sonntags“, ein bunter Nachmittag im Sommer-Vormittagsprogramm, sollte ein Jüngerer übernehmen.

 

Hammer und Stichel

 

Max Schautzer sieht nicht aus wie ein Mittsechziger, Bauch und Falten liegen deutlich unter dem Altersdurchschnitt. Wenige Tage vor dem Rausschmiss hatte er ein Denkmal zur „Haarausfallwoche“ enthüllt. Doch gegen den Seifenoperndarsteller Sebastian Deyle, den die ARD zu seinem Nachfolger auserkoren hatte, halfen auch keine Anti-Aging-Hormone.

 

Der Jüngling ist nicht nur knapp halb so alt, er halbierte die Quote gleich mit. Max Schautzer verschaffte das Scheitern Deyles keine Genugtuung. Sicher, er kennt das Geschäft, baute Anfang der Achtziger das deutsche Standbein von RTL auf, hat eine eigene Medienfirma. Er weiß, dass die Usancen der Branche wenig Platz für Empfindungen lassen. „Bei Privatsendern könnte ich solches Vorgehen noch verstehen. Aber von einem öffentlich-rechtlichen Sender hatte ich mehr Stil erwartet, erst recht nach so langer Zeit“, sagt er. 1965 hatte er beim WDR als Sprecher begonnen.

 

Ob er in ARD-Talkshows Gast sein darf, ist im Senderverbund eine heikle Frage. Denn Max Schautzer hat sich nicht wie mancher ausgemusterte Kollege schmollend in sein Schicksal gefügt. Er hat sich nicht bei einem Verkaufskanal für die Präsentation von Badewannenliften oder Haarwässerchen beworben. Stattdessen hat er sich ein neues Thema gesucht: Schluss mit dem Jugendwahn! Die Auftritte bei TV-Gesprächsrunden und Kongressen hat er nun mit einem Buch grundiert. Das heißt so, wie eine Sendung mit ihm betitelt sein könnte: „Rock 'n' Roll im Kopf, Walzer in den Beinen“. Auf 400 Seiten breiten er und sein Koautor Peter Jamin die Stärken der über 50-Jährigen aus, hier finden sich auch jene Lesefrüchte, die seine Moderationen verschwiegen. Das Buch präpariert bestens für Diskussionen; eine ätzende Abrechnung mit den faltigen Faltenlosigkeitsfanantikern der ARD ist es nicht geworden.

 

„Bild“ hat ihn zum Robin Hood der Rentner ernannt. Mal spricht er ein Grußwort für die Seniorenunion, demnächst wird er vor dem Verband der Hoteldirektoren referieren. Mit seiner Firma plant er einen Privatfernsehsender für seine Altersklasse. Zum Rächer der enterbten Vererber taugt der Herr im blauen Nadelstreifenanzug trotzdem nicht. Ein bisschen geht es im Gespräch so wie bei seinen Shows: Schon eineinhalb Stunden vergangen, und noch ist kein einziger böser Satz auf dem Band. „Bei Toll Collect und Transrapid hätte man auf die alten Ingenieure zurückgreifen sollen, dann wäre uns das Desaster erspart geblieben“, ist das Schärfste, was sein Mund hergibt.

 

Er war wohl einmal anders, damals, als er in Wien das Wirtschaftsstudium begann. Er machte Studentenkabarett, nahm Schauspielunterricht, arbeitete in Aachen als Diskjockey, plante, bevor ihn der WDR engagierte, eine eigene Kleinkunstbühne namens „Hammer und Stichel“. „Die Jugend ist mir viel zu brav“, stichelt er heute maßvoll. „Es war doch gut, dass die Apo Autoritäten infrage gestellt hat.“

 

Die Autoritäten in seiner Nähe respektierte er. Hat er sich nie als junger Mann manchen älteren Kollegen in den Ruhestand gewünscht? „Nein“, antwortet er ohne Zögern, „ich bin in ein Sprecherensemble gekommen, in dem ich der Jüngste war. Ich habe zu den Älteren aufgeschaut, das waren Stimmen, die ich bewundert habe. Später bei RTL war Alter auch nicht das entscheidende Kriterium. Meine rechte Hand war ein pensionierter Ministerialdirektor.“ An den Wänden hängen Fächer aus aller Welt ­ eine Sammelleidenschaft seiner Frau. Sie wirken wie eine brave Reminiszenz an die Apo-Talar-Muff-Verwedler.

 

Voller Respekt schreibt Max Schautzer in seinem Buch über die Kirche. Er bewundert die Institution, in der Weisheit noch zähle. Mit dem ehemaligen Kölner Weihbischof und heutigen Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, verbinden ihn nicht nur gemeinsam kommentierte Karnevalszüge, sondern viele Gespräche über den Sinn des Lebens. Auch das dokumentiert er in seinem Buch. Wenige Seiten zuvor hat er Uschi Glas für ihre Bikini-Fotos und Udo Jürgens für seine Virilität gelobt, wenige Seiten nach dem Sinngespräch folgen Gesundheitstipps für Menschen über 50. Dem nonchalanten Österreicher könnte nicht einmal der gestrengste geistliche Würdenträger diese Platzierung übel nehmen.

 

Beim Star daheim

 

In die Kirche geht Schautzer nicht regelmäßig, mit manchen „konservativen Entscheidungen“ habe er Probleme. „Aber ich komme aus der katholischen Jugendbewegung, bin katholisch geprägt.“ An seiner Haustür ist der Segensspruch der Sternsinger vom Jahresbeginn noch deutlich zu lesen.

 

Früher hat er Journalisten öfter für Homestorys hereingelassen, gerade dann, wenn eine neue Show startete. „Das Publikum hat erwartet, seinen Moderator auch als Menschen kennen zu lernen“, begründet er die Offenheit. Er hat viel von seiner glücklichen Ehe mit seiner Frau Gundel geschwärmt. Seit 1968 sind die beiden verheiratet. Er hat stolz präsentiert, wie sie, die Innenarchitektin, das von außen unauffällige Haus in eine stilvolle Villa verwandelt hat.

 

Wenn die Journalisten mutiger wurden, wagten sie zu fragen, warum keine Kinder und Enkel da sind, die die feinen, hellen Stoffe mit Schokoladenhänden bematschen könnten. Im Regal, wo anderswo Söhne und Töchter wie Trophäen dem Besucher präsentiert werden, stehen edel gerahmte Urlaubserinnerungen des Paares. „Der liebe Gott wird sich etwas dabei gedacht haben, dass wir keine Kinder bekommen haben“, vertrauten die beiden einmal der „Bild am Sonntag“ an.

 

Einen winzigen Moment steigt der Gedanke auf, ob trotz der medialen Vorarbeit die nächste Frage taktlos sein könnte: Wie hätten Kinder Max Schautzers Leben verändert? Er streicht die türkisfarbene Krawatte glatt und lächelt. „Ich hätte wohl nicht immer frei gearbeitet, sondern eine Festanstellung angenommen. Und ich hätte kein Buch über die Generation 50 plus geschrieben, sondern eines über die Frage, warum so wenig Kinder geboren werden“, antwortet er. Wenn ihn die Frage verletzt haben sollte, so lässt er sich nichts anmerken. Ein Gentleman tut niemandem weh und zeigt keinen Schmerz.


Externe Links:www.max-schautzer.de, www.altersdiskriminierung.de

 

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Quelle: Rheinischer Merkur Nr. 47 v. 18.11.2004