Das AP-Porträt
Noch immer der Mann für heikle Missionen
Hans-Dietrich Genscher wird 80 Jahre alt - Feier mit
prominenten Gästen
Von Frieder ReimoldBerlin (AP)
Noch immer ist er der Mann für heikle Missionen.
Zuletzt überbrachte er im Geheimauftrag von Außenminister
Frank-Walter Steinmeier einen Brief in Teheran. Am vergangenen
Mittwoch kam daraufhin der Angler Donald Klein nach 16 Monaten
Gefangenschaft im Iran frei. Am kommenden Mittwoch wird nun
gefeiert: Der einst dienstälteste Außenminister der Welt,
Hans-Dietrich Genscher, wird 80 Jahre alt.
Zwei historische Höhepunkte und ein schwerer Tiefschlag sind die
Eckpunkte seines politischen Lebens. Der eine ist die dramatische
Szene auf den Balkon in Prag 1989, als er tausenden verzweifelten
DDR-Bürgern ihre Ausreise in den Westen ankündigte. Der andere ist
der 2plus4-Vertrag, der faktische Friedensvertrag 1991 mit denen
ehemaligen Kriegsgegnern, dessen Architektur unter Beteiligung der
beiden Deutschlands seine Idee war. Genscher war vermutlich einer
der ersten, die die Bedeutung des damaligen sowjetischen
Präsidenten Michail Gorbatschows für eine friedliche Absicherung
der Wiedervereinigung erkannten.
Den politischen Triumphen vorangegangen war 1972 die Hölle von
München: Die Erfahrung der totalen Machtlosigkeit beim
Olympia-Massaker. Damals war er Innenminister im Kabinett von Willy
Brandt.
18 Jahre stand er an der Spitze des Außenamtes. 23 Jahre war er
Kabinettsmitglied. 33 Jahre saß er im Bundestag. Elf Jahre führte
er die FDP, mit der er 1982 den fliegenden Koalitionswechsel zu
Helmut Kohl vornahm. Heute ist er Ehrenvorsitzender der Partei.
Zirkuszelt platzt aus allen Nähten
Das Geburtstagsfest im Sarrasani-Zelt am Berliner Hauptbahnhof
übersteigt voraussichtlich alle Erwartungen. Die FDP rechnet
inzwischen mit 1.500 Gästen aus Politik, Kunst und Medien.
Ehemalige Staats- und Regierungschefs wie Michail Gorbatschow oder
Gerhard Schröder kommen. Auch Kohl ist eingeladen. Aus der
Unterhaltungsbranche stehen Florian Henckel von Donnersmarck,
Liselotte Pulver und Peter Maffay auf der Gästeliste. Sabine
Christiansen und Max Schautzer moderieren das Spektakel.
Unter den Gästen sind elf ehemalige oder amtierende Außenminister
wie etwa Genschers persönlicher Freund Eduard Schewardnadse, sein
ehemaliger Mentor Henry Kissinger, oder der französische Kollege
Roland Dumas, mit dem Genscher 1991 die Konsultationsrunde mit
Polen, das Weimarer Dreieck, aus der Taufe hob.
Doch zurück zur aufwühlende Szene auf dem Balkon des ehemaligen
böhmischen Adelspalais' Lobkowicz, der Deutschen Botschaft in Prag,
am 30. September 1989: Von einem Herzinfarkt gezeichnet trat
Genscher vor: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen,
dass heute Ihre Ausreise...“
Mehr war nicht zu verstehen. Der Rest des Satzes ging unter in
einem markerschütternden Aufschrei der Erleichterung der über 4.000
auf dem Gelände eingepferchten Flüchtlinge. Insgesamt kamen mehr
als 10.000 DDR-Flüchtlinge frei. Fünf Wochen später fiel in Berlin
die Mauer. Der legendäre Satz von damals steht auf Deutsch und
Tschechisch in voller Länge auf einer Bronzetafel in der Prager
Botschaft.
„Genschman“ und der gelbe Pullover
Genscher eilte fortan der Ruf einer Art Friedens- und
Freiheitsbringer voraus. Im Westen wurde er per Cartoon als
allgegenwärtiger „Genschman“ mit Superman-Anzug und dem
charakteristischen gelben Pullover ironisiert. Dazu passte der
Genscher-Witz: Begegnen sich zwei Flugzeuge über dem Atlantik: In
beiden sitzt Genscher.
Aber auf dem Balkan, wo schon wieder die Kriegslunte glomm, lagen
ihm Slowenen und Kroaten für seine Politik der frühzeitigen
Anerkennung zu Füßen. Die Albaner schossen den Vogel ab, als sie
ihn 1992 in Ermangelung deutscher Fahnen mit gelben Pullovern an
den Fahnenmasten empfingen und Tirana den „Sheshi Hans-Dietrich
Gensher“ (Genscher-Platz) bekam. Einen Monat danach trat er aus der
Regierung aus.
Mit seiner Balkanpolitik machte er sich nicht nur Freunde: In
London und Paris wuchs der Argwohn, das vereinigte Deutschland
verfalle außenpolitisch wieder der Großmannsucht. In der
Sicherheitspolitik sah sich Genscher persönlich dem Vorwurf der
Glattheit ausgesetzt. Schon davor machte das Schmähwort vom
„Genscherismus“ die Runde.
Genscher kam am 21. März 1927 in Reideburg/Saalkreis zur Welt und
wuchs in Halle an der Saale auf. Der Vater starb früh. Nach kurzer
Kriegsgefangenschaft studierte er Jura und überwand dabei eine
Tuberkulose-Erkrankung. Noch in der Sowjetzone nahm er erste
Kontakte zu den Liberalen auf. Nach der Flucht in den Westen 1952
wurde er Rechtsanwalt in Bremen und trat der FDP bei. 1965 zog er
in den Bundestag ein.
Im Mittelpunkt seiner Außenministerjahre standen die Bemühungen um
Abrüstung, um den Nahen Osten, um die Einigung Europas und der
KSZE-Prozess.